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GM333

IGreen Card in Deutschland?
(Quelle: Internationes. Landeskunde online)

 Hintergrundinformation

Untersuchungen der Bundesregierung haben ergeben, dass der deutschen Wirtschaft 75 000 bis 100 000 hochqualifizierte Computerspezialisten fehlen. Dieser Mangel ist kurzfristig nicht mit deutschen Arbeitskräften zu beheben. Bei einem Besuch auf der Computermesse "CeBIT" in Hannover erklärte Bundeskanzler Gerhard Schröder, dass 20 000 ausländische High-Tech-Experten eine Arbeitserlaubnis in Deutschland nach Vorbild der amerikanischen Green-Card erhalten sollen. Geplant ist, diese Arbeitserlaubnis auf fünf Jahre zu beschränken. Damit will man verhindern, dass die ausländischen Spezialisten ein Daueraufenthaltsrecht für sich und damit auch für ihre Familien erlangen.

Die Erklärung Schröders hat eine große Diskussion ausgelöst. U. a. stellt sich die Frage, ob Deutschland nun ein Einwanderungsgesetz bekommen soll, das eventuell das bisherige Asylrecht ändern würde. Der nachfolgende Artikel beschäftigt sich mit diesem Thema. Er gibt u. a. einen Einblick in die Heftigkeit, mit der die Debatte geführt wird ­ über manche Aussagen lässt sich anders urteilen. Der Artikel entspricht nicht zwingend der Meinung von Inter Nationes.

Text

Der Green-Card-Kanzler

Der Vorstoß von Bundeskanzler Gerhard Schröder, für die personell unterversorgte Computerbranche Tausende ausländischer Experten nach Deutschland anzulocken, bringt das Ausländerrecht insgesamt auf den Prüfstand. Allmählich scheint sich in allen Parteien die Erkenntnis durchzusetzen, dass Deutschland langfristig ein Konzept für den geregelten Zustrom von ausländischen Arbeitskräften braucht. Es ist höchste Zeit, dass offen darüber nachgedacht wird, ob wir nicht wie viele andere Staaten die ungesteuerte Einwanderung über das weltweit großzügigste Asylrecht ablösen müssen ­ zu Gunsten einer klar geregelten Zuwanderung über ein Gesetz. (...)

Wenn im Bundestag (...) das Asylrecht auf der Tagesordnung steht, sollten die Parlamentarier die Chance nutzen, die politischen Weichen neu zu stellen. Dazu gehört zwingend, dass der über 50 Jahre alte Asyl-Grundgesetzartikel (...) auf eine "institutionelle Garantie" abgespeckt wird. "Deutschland gewährt Asyl ­ Näheres regelt ein Bundesgesetz": So könnte nach dem Vorschlag der Unionsfraktion eine künftige Regelung heißen, die dem Staat wesentlich mehr Gestaltungs- und Reaktionsmöglichkeiten erlaubt als bisher. Gefragt ist der Blick fürs Machbare.

Gerade daran aber mangelt es auch in der aktuellen Debatte über den Sinn und Zweck einer Green Card für ausländische Computer-Fachleute. So fordert die Flüchtlingshilfeorganisation Pro Asyl, Rot-Grün solle das 1997 erlassene Arbeitsverbot für Asylbewerber aufheben. Begründung: Unter den in Deutschland lebenden Asylsuchenden befänden sich Tausende Hochqualifizierte. (...) Hunderttausende von Wirtschaftsflüchtlingen, die in den vergangenen Jahren nach Deutschland kamen, hatten aber in ihrer übergroßen Mehrzahl keine Hochschulabschlüsse im Gepäck. (...)

Auch auf deutscher Seite wird die Wirklichkeit nach besten Kräften verdrängt. Da fragt die stellvertretende DGB-Vorsitzende Ursula Engelen-Kefer scheinheilig, ob (...) nicht besser ein Teil der 75 000 bis 100 000 in der Computerbranche fehlenden Fachkräfte mit in- als ausländischen Arbeitskräften besetzt werden könnten. Nein, muss man ihr antworten. Offensichtlich ist ein nicht unbedeutender Teil der bei den Arbeitsämtern gemeldeten 37 000 arbeitslosen EDV-Spezialisten und 56 000 Ingenieure nur schwer vermittelbar ­ auch, weil es vielen an der nötigen Fortbildung und Flexibilität fehlt.

Wolfgang Molitor
© "Stuttgarter Nachrichten", 14. März 2000
 

Vokabelerläuterungen

der Vorstoß (hier): ein revolutionärer Vorschlag

auf den Prüfstand bringen: etwas wird erneut überprüft oder durchdacht

allmählich: langsam

langfristig: auf Dauer

das Konzept: der Plan

geregelter Zustrom: Zuzug einer bestimmten Zahl von Menschen nach bestimmten Kriterien

ungesteuert: willkürlich; nicht festgelegt

der Parlamentarier (hier): der Bundestagsabgeordnete

die Weiche: Vorrichtung an Schienen, mit denen Züge auf ein anderes Gleis geleitet werden

zwingend: notwendigerweise

die Unionsfraktion: die CDU- / CSU-Abgeordneten

die Gestaltungs- und Reaktionsmöglichkeiten (hier):  der Handlungsspielraum; die Möglichkeit zu handeln

Rot-Grün: die Regierungskoalition aus SPD und den Grünen

das 1997 erlassene Arbeitsverbot für Asylbewerber: 1997 erließ die damalige CDU-Regierung ein Verbot für Asylbewerber, während der Zeit ihres Asylverfahrens eine Arbeit anzunehmen.

der Hochqualifizierte:  jemand mit ausgezeichneten Kenntnissen in einem bestimmten Bereich

verdrängen: nicht sehen wollen

DGB: der Deutsche Gewerkschaftsbund, Vertretung der Arbeitnehmer

scheinheilig: heuchlerisch; falsch

EDV:  Elektronische Datenverarbeitung

schwer vermittelbar: offizieller Beschreibung für jemanden, der sehr schlechte Aussichten hat, eine Arbeit zu bekommen

Übung 1

Lesen Sie den Text noch einmal genau durch und versuchen Sie, die folgenden Sätze mit einfacheren Worten umzuschreiben.

1. die personell unterversorgte Computerbranche:

2. der Vorstoß (...), Tausende Experten anzulocken:

3. Allmählich scheint sich in allen Parteien die Erkenntnis durchzusetzen, ... :

4. auf der Tagesordnung stehen:

5. Die Parlamentarier sollten die Chance nutzen, die politischen Weichen neu zu stellen:

6. Dazu gehört zwingend, dass der (...) Asyl-Grundgesetzartikel (...) abgespeckt wird:

7. Gefragt ist der Blick fürs Machbare.:

8. Sie hatten (...) keine Hochschulabschlüsse im Gepäck.:

9. nach besten Kräften:

10. nicht unbedeutend:
 

Übung 2
Geben Sie nun jedem Absatz eine Überschrift.
 

Übung 3
Die Diskussion um "Green Card" und "Einwanderungsgesetz" wird in Deutschland sehr emotional geführt . Können Sie sich vorstellen, warum? Welche Probleme werden damit aufgerührt?
 

Übung 4
Würden Sie Ihre Heimat für längere Zeit oder sogar für immer verlassen? Begründen Sie bitte Ihre Antwort.
 

Basiert auf Übungen von Anja Kraus,
im Auftrag von Inter Nationes
März 2000