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GM333

Graffiti
(Quelle: Internationes Landeskunde Online)


Hintergrundinformation

Der Bundesrat hat im März dieses Jahres einen Gesetzesentwurf zur Graffiti-Bekämpfung in Deutschland beschlossen, im Bundestag wurde eine parallele Alternative gestartet. Damit möchte man eine Grundlage schaffen, um Graffiti-Sprayer, durch deren Wirken im Jahr ein Gesamtschaden von 500 Millionen Mark entsteht, juristisch zur Rechenschaft ziehen zu können. Die folgenden beiden Texte sollen Ihnen zwei unterschiedliche Haltungen in der Bevölkerung zum Thema Graffiti verdeutlichen.

Vorübung

Was fällt Ihnen spontan zum Thema "Graffito" ein? Notieren Sie einige Stichwörter. 

Text 1

Graffiti-Sprüher wollen alles wieder gutmachen

Eigentlich sollten sie (...) die Schulbank drücken. Stattdessen sitzen die sechs Schüler, 16 und 17 Jahre alt, mit betretenen Mienen auf der Anklagebank vor dem Jugendschöffengericht. Was sie gemacht haben, bringt immer mehr Hausbesitzer auf die Palme: Als Graffiti-Sprüher verewigten sie sich an Privathäusern, Schulen, Straßenbahnen, kurzum an jeder Wand, die ihnen gefiel. Von Dezember 1997 bis August 1998 zogen sie in wechselnder Besetzung nachts mit ihren Dosen durch die Straßen und hinterließen vor allem in Bad Godesberg (Stadtteil von Bonn), wo sie wohnen und teilweise zur Schule gehen, ihre Spuren. 32 Fälle von einfacher und gemeinschädlicher Sachbeschädigung wirft Staatsanwalt Patrick Wilhelm ihnen vor, in jedem Fall haben sie mehrfach zugeschlagen und an die 100 Objekte verunstaltet. Fünf von ihnen sind geständig, einsichtig und bedauern, was sie getan haben. 

Nur ein 17-Jähriger hat bisher noch nichts gesagt und sein Verteidiger fordert nun, erst einmal ein Gutachten einzuholen zu der Frage, ob hier überhaupt Sachbeschädigung im Sinne des Gesetzes vorliege und durch die Sprühfarbe Substanz verletzt wurde.(...)
Ob das zu seinem Vorteil ist, scheint fraglich. Denn seine Kumpel sind nicht gut auf ihn zu sprechen: Ihnen wurden in der Anklage Sprühaktionen angelastet, die in Wahrheit der 17-Jährige zu verantworten haben soll, doch der schwieg. Das stellen die fünf nun richtig und geben im Übrigen ohne Wenn und Aber zu, was auf ihr Konto geht: ganze Straßenzüge (...), eine Straßenbahn, den vor dem Deutschen Museum ausgestellten Transrapid, mehrfach die eigene Schule, die Turnhalle... Der Schaden geht in die Hunderttausende. Eine Mutter schüttelt den Kopf und murmelt: "Unglaublich." Wie stehen die fünf nun dazu? "Ich bin komplett kuriert", sagt einer und die anderen nicken eifrig. Sie hätten es getan, weil es viele machten, und sie hätten dabei sein wollen. Nun wollen sie unbedingt alles wieder gutmachen. Die Richterin schlägt ihnen vor, sich bei den Hausbesitzern Auge in Auge zu entschuldigen.

Und falls sie die Säuberung nicht selbst machen dürften, könnten sie den Geschädigten ja andere Hilfe, wie zum Beispiel Rasenmähen oder Einkaufen, anbieten, um vielleicht auch so etwas von den hohen Schadensersatzforderungen abzubauen. Die fünf sind einverstanden und auch die Eltern halten das für pädagogisch sinnvoll. Die fünf werden am Ende verwarnt und je nach Tatbeteiligung zu 20, 30, 50 und 80 Sozialstunden verurteilt. Die Arbeit bei den Opfern soll dabei angerechnet werden.

Rita Klein
© "General-Anzeiger", Bonn, 6. Mai 1999
 

Vokabelerläuterungen Text 1

die Schulbank drücken:   Schüler sein

auf der Anklagebank sitzen:   vor Gericht angeklagt werden

eine betretene Miene machen:   schuldig aussehen

das Jugendschöffengericht (-e):   ein Gericht für Jugendliche, das sich aus beruflichen und ehrenamtlichen Mitgliedern zusammensetzt

jemanden auf die Palme bringen:   jemanden ärgerlich machen

sich an einem Ort verewigen (hier):   Graffiti sprayen

wechselnde Besetzung:   mit verschiedenen Personen

einfache und gemeinschädliche Sachbeschädigung:   juristische Fachbegriffe, die unterschiedliche Grade der Zerstörung beschreiben

der Staatsanwalt (?-e):   Vertreter des Staates vor Gericht

mehrfach zuschlagen (hier): öfters Graffiti sprühen

etwas verunstalten:   etwas beschädigen

geständig sein:   etwas zugeben

der Verteidiger (-):   der Anwalt

ein Gutachten einholen:   eine Stellungnahme von Experten anfordern

der Kumpel (-s):   ein guter Freund

gut auf jemanden zu sprechen sein:   jemanden mögen

die Anklage (-n):   vor Gericht beschuldigt die Anklage die Angeklagten einer bestimmten Tat

jemandem etwas anlasten:   jemanden für etwas verantwortlich machen

etwas ohne wenn und aber zugeben:   die Verantwortung für eine Sache voll und ganz zugeben, nichts leugnen

eine Sache geht auf ein Konto von jemandem:   jemand ist für eine Sache verantwortlich

der Transrapid (nur Sing.): Hochgeschwindigkeitszug

kuriert sein (hier):   seine Fehler eingesehen haben

die Säuberung (-en):   die Reinigung

die Schadensersatzforderung (-en):   Geschädigte möchten Geld für den ihnen entstandenen Schaden erhalten.

die Sozialstunde (-n):   Jugendliche werden oft vor Gericht nicht zu Gefängnis, sondern zu Sozialstunden, während derer sie Arbeit, die der Gesellschaft nützt, ableisten müssen, verurteilt.
 
 

Text 2

Arbeit mit der Farbdose ? ganz legal

Graffiti-Sprayer, das sind halbvermummte lichtscheue Wesen, die mit Farbdosen bewaffnet vorzugsweise nachts ihr illegales Unwesen treiben: Das stimmt nicht ganz. Es gibt auch welche, die am helllichten Tag und für Auftraggeber "arbeiten". So wie Michael Peltzer, Cristof Deutscher, Sebastian Fischer und Cornelis van Almsick. Mancher Passant beobachtete das Quartett in den vergangenen Wochen verwundert, als es ? unbehelligt und in aller Seelenruhe einem Haus an der Bonner Heerstraße knallige Fassadenbilder verpasste.

"Die Fliesen hier sind für jede Farbe göttlich." Der 21-jährige Michael ist ganz begeistert von dem Untergrund, den er mit seinen Kollegen Cristof (19), Sebastian (21) und Cornelis (20) verschönern sollte. Die Fassade des Wohnhauses Heerstraße 34 war nach der Kur durch die "DRX Drasticks-Crew" ? so firmieren die vier ? nicht wieder zu erkennen.

Binnen einer Woche pinselten und sprühten die Auftragssprayer in Höhe des Erdgeschosses zwei Porträts und zwei Phantasiewelten auf die Hausfront, nachdem sie die Wand ? auf eher konventionelle Weise ? in verschiedenen Gelbtönen gestrichen hatten. Über dem Eingang prangt nunmehr in lila das Wort "exit" und quer über der Front "visual attack". 

Die vier bezeichnen sich als selbständige Graffiti-Künstler. Peltzer ist angehender Grafik-Designer, seine Freunde "machen Ähnliches." Spray-Aufträge seien nicht allzu häufig und schwer zu bekommen. In diesem Fall habe er den Hausbesitzer und Auftraggeber durch Zufall persönlich kennen gelernt. Der Immobilienmakler wollte das zur Zeit leer stehende Haus verschönern lassen, so Peltzer. Was dem einen gefällt, passt anderen längst nicht. Ein Passant habe angekündigt, sich bei der Stadt zu beschweren. Andere Nachbarn hätten aber positiv reagiert, erzählt Peltzer.

"Sprühen kommt ihn billiger als eine große Säuberungsaktion", vermutet der Graffiti-Künstler als Grund für den Auftrag. Der Hausbesitzer selbst äußerte sich bislang trotz mehrmaliger Anrufe nicht zu seiner ungewöhnlichen Fassadengestaltung. "Jeder darf mit seinem Eigentum machen, was er will", erklärte ein Sprecher der Stadt auf Anfrage. Aber: Die Häuser dürfen bei aller künstlerischen Freiheit nicht verändert werden. Zu beachten sei außerdem, dass zu auffällige Anstriche und Bemalungen in der Nachbarschaft denkmalgeschützer Gebäude nicht erlaubt seien.

Marian Menge
© "General-Anzeiger", Bonn, 4. Mai 1999

Vokabelerläuterungen  Text 2

halbvermummt:   fast völlig verkleidet, nicht erkennbar

lichtscheu:   das Licht meidend

ein Wesen (-):   alles, was lebendig ist, ist ein Wesen

sein Unwesen treiben (hier):   Schaden anrichten

in aller Seelenruhe:   völlig ruhig

ein knalliges Fassadenbild (-er):   ein sehr buntes Bild an der Vorderseite eines Gebäudes

jemandem etwas verpassen (hier):   ein Graffito auf eine Häuserwand sprühen

göttlich:   sehr, sehr schön

firmieren:   als Firma tätig sein

der Auftragssprayer (-):   Graffiti-Künstler, die für ihre Arbeit Geld erhalten

prangen (hier):   gut sichtbar sein

selbständig sein:   sein eigener Chef sein, nicht angestellt sein

ein angehender Grafik-Designer (-):   jemand, der Grafik-Designer wird

der Immobilienmakler (-):   Person, die ihr Geld mit der Vermittlung von Häusern, Grundstücken, Wohunungen etc. verdient

die Säuberungsaktion (-en):   die Reinigung

etwas vermuten:   einen Verdacht haben, etwas erwarten

die Fassadengestaltung (-en):   das Aussehen einer Fassade

denkmalgeschützt:   denkmalgeschützte Objekte dürfen nicht verändert werden.
 

Übung 1
Beantworten Sie die folgenden Fragen stichpunktartig für jeden der beiden Texte, dabei müssen Sie nicht jedes Detail des jeweiligen Artikels verstanden haben:
 

Text 1 Text 2
Wer? Wer?
Was haben sie gesprüht? Was haben sie gesprüht?
Wann? Wann?
Wo? Wo?
Was war die Motivation? Was war die Motivation?
Was waren die Konsequenzen? Was waren die Konsequenzen?

Übung 2

Welche unterschiedlichen Haltungen Graffiti-Sprayern gegenüber werden in den beiden Artikeln sichtbar?

Übung 3

Graffiti ? Kunst oder Schmiererei?
Schreiben Sie, was  Ihre Meinung dazu ist .
Folgende Ausdrücke helfen Ihnen dabei:

Seine Meinung zum Ausdruck bringen: 
Ich bin der Meinung, dass...
Nach meiner Ansicht...
Ich bin davon überzeugt, dass...
Ich würde lieber...

Seine Meinung begründen:
Ich möchte das so begründen....
Hauptgrund ist für mich....
Ein ganz wichtiges Argument habe ich noch nicht genannt...

Der Ansicht des Gegners widersprechen:
Das bezweifle ich.
Das halte ich für falsch.
Hier bin ich anders informiert.
Unmöglich!
Das ist meiner Ansicht nach ein falscher Schluss.
Doch!

Dem Gegner etwas zugeben, dies aber relativieren:
Das stimmt zwar ? aber...
In diesem Punkt haben Sie zwar Recht, trotzdem...
Sicher. Das mag stimmen. Aber...

Etwas näher erklären, durch Beispiele erläutern:
Ich muss das genauer erklären.
Ich möchte dies durch ein Beispiel veranschaulichen/belegen.

Nach Übungen von Christine Dresel, 
im Auftrag von Inter Nationes 
23. Juni 1999