
Welche Rolle spielte die Kirche während der Wende?
Die Kirche
war eine ideologische und politische Alternative für die Ideologie der
SED. Die Rolle der Kirche als eine politische
Kraft war wichtiger als die Rolle der Kirche als eine religiöse Kraft. In einer Gesellschaft ohne ein
rechtmäßiges politisches Gegengewicht war die Kirche ein wichtiger
“Freiraum.” Freiraum bedeutete, dass man
in der Kirche sagen konnte, was man wollte.
Die Kirche
spielte viele politische Rollen. Ohne
staatliche Kontrolle konnten die kirchlichen Organisationen, Verlagshäuser und
theologische Schulen leiten. Die Kirche
spielte auch eine wichtige Rolle in privaten Verhandlungen mit der SED, durch ihre
öffentlichen Äußerungen und ihre speziellen Gottesdienste.
1982 fand
eine Studie heraus, dass nur 60% der Mitglieder von kirchlichen Jugendgruppen
“Gläubige” waren. Warum war diese
Statistik wichtig? Sie bedeutete,
dass Jugendliche sich nicht aus religiösen, sondern aus persönichen oder politischen
Gründen der Kirche verbunden fühlten. Viele
Kirchen hatten alternative Gruppen.
Diese kleinen Gruppen gediehen im “Freiraum” der Kirchen. Die Mitglieder dieser Gruppen scheuten sich nicht, politisch aktiv zu werden.
Die Kirche spielte zwei Rollen während
der Wende. Erstens gab die Kirche durch
eine demokratische Beziehung mit der SED ein gutes Beispiel für die Hoffnungen
und Bestrebungen vieler Bürger der DDR.
Zweitens bot die Kirche einen “Freiraum” für die alternativen
Gruppen. Obwohl klein und scheinbar
machtlos entwickelten diese Gruppen die alternative Politik, die das
Herannahen einer großen öffentlichen Auseinandersetzung vorantrieb.
Die Kirche organisierte
Gottesdienste, in denen man Solidarität mit anderen Menschen
ausdrücken konnte. Die ersten
öffentlichen Demonstrationen gegen die Regierung der DDR waren eine Folge dieser
Gottesdienste in Leipzig, Dresden und anderen Städten. Die Demonstrationen waren der Schlüssel zur
Wende. Viele Mitglieder der alternativen
Gruppen der Kirche hatten nach der Wende bis zu der Wahl im März 1990 großen
Einfluss auf die Regierung. 20 Pastoren
wurden in dieser ersten demokratischen Wahl als Abgeordenete gewählt.